Veröffentlicht in Fotografiertes

Alpinitreffen in Bozen – 11. bis 13. Mai 2012

Freitag, 11. Mai

Des einen Freud, des andern Leid – so könnte man wohl das Alpinitreffen in Bozen kurz und bündig auf den Punkt bringen. Wenn geschätzte 350.000 ehemalige und aktive Alpini eine Stadt mit nur knapp mehr als 100.000 Einwohnern besuchen, herrscht zwangsläufig der Ausnahmezustand. Jede verfügbare Grünfläche, die groß genug ist, um einen Wohnwagen oder ein Zelt aufzustellen, wird besetzt – und wie in einem besetzten Gebiet fühle ich mich. Öffne ich die Fenster, höre ich Musik, Lachen, Lärm, sehe ich aus dem Zimmerfenster oder vom Balkon, erkenne ich mein Wohnviertel nicht mehr wieder. Grün-weiß-rote Fahnen allerorten, Zelte und Wohnwagen so weit das Auge reicht, ständig über der Stadt kreisende Hubschrauber, immer wieder Sirenenlärm – wohl aus Spaß an der Freude.

Rote chemische Toiletten, provisorische Wasseranschlüsse für die Katzenwäsche. Bei über 30 Grad Hitze wohl kaum ausreichend. Aber vermutlich ist das auch nebensächlich: In diesen drei Tagen feiern die Alpini ihre Kameradschaft, erinnern sich an gemeinsame Erlebnisse während des Wehrdienstes und verklären wohl auch so manche Schikane. Sie essen, trinken, lachen, singen und spielen ihre militärisch angehauchten, aber auch sehr volkstümliche Lieder und Märsche.

Es ist ein großes Fest, zu dem auch alle Einheimischen eingeladen sind, vor dem aber auch nicht wenige im wahrsten Sinn des Wortes das Weite gesucht haben. Nicht jeder fühlt sich wohl, wenn die Stadt bereits seit Tagen beflaggt und auf den Straßen kein Weiterkommen ist, wenn jede Grünfläche zugeparkt und nach diesen drei Tagen wohl kaum wiederzuerkennen sein wird. Nicht jeder findet die militärgrünen Hüte mit ihren schwarzen Farben schick, identifiziert sich mit dem Staat, für den deren Träger ein Jahr ihres Lebens oder auch mehr geopfert haben. Da entscheidet sich so mancher dafür, das Wochenende andernorts zu verbringen, eine länger geplante Reise zu unternehmen oder in der Zweitwohnung zu kontrollieren, ob alles noch an seinem Platz ist. Alternativ dazu könnte man auch ins Exil innerhalb der eigenen vier Wände gehen. Eine sehr verlockende Vorstellung, wenn ich ehrlich bin. Nach einer kurzen Erkundungstour durch mein Wohnviertel am Vormittag und einem etwas längeren Ausflug ins Zentrum des Geschehens, ist mir eines klar: Ich habe genug gesehen, will mich nicht vor bereits am frühen Nachmittag sturzbetrunkenen Gebirgsjägern in Sicherheit bringen müssen und verzichte dankend darauf, länger in der sommerlichen Hitze unter den Trikolore-Fahnen durch die Stadt zu „wandeln“. Für heute kann mir das Fest gestohlen bleiben – bis zum Umzug übermorgen werde ich aber neue Energie schöpfen und dann mit meiner Nikon ein paar weitere Alpini abschießen.

Sonntag, 13. Mai

So langsam neigt sich da Spektakel seinem Ende zu, vom Balkon aus sehe ich, wie die ersten Alpini ihre Zelte abbrechen. Dazu ertönt die obligatorische volkstümlich-militärische Musik und die Sirenen, an die ich mich mittlerweile gewöhnt haben sollte.

Bereits um 9 Uhr beginnt der große Festumzug, allerdings mache ich mich erst am Nachmittag auf den Weg dorthin. Einer der Aufpasser entlang der Absperrungen hat Mitleid mit mir als er sieht, wie ich versuche, von weit hinten einen Blick auf den Umzug zu erhaschen und ihn zu fotografieren: Er lässt mich zur Tribüne vor und aus einer etwas erhöhten Position kann ich ein paar passende Erinnerungsbilder schießen.

Heute Nacht sollte es wieder etwas ruhiger sein und ich rechne fest damit, dass mich keine Alpini mehr in den Schlaf singen werden.

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