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Das Glücksbüro und Saitensprung mit Kontrabass

Habt ihr schon mal einen Roman über die öffentliche Verwaltung gelesen?

Also nicht irgendwelche Rechtstexte oder Formularbeschreibungen, die Ausmaße eines Romans annehmen können, sondern einen Roman, dessen Hauptfigur ein öffentlicher Beamter ist. Nein? Dann empfehle ich euch „Das Glücksbüro“ von Andreas Izquierdo.

Albert Glück ist ein etwas eigenartiger Kauz. Er arbeitet seit Jahrzehnten im Amt für Verwaltungsangelegenheiten und geht in seiner Arbeit vollständig auf. Vorschriften und Formulare sind sein Leben und deshalb ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass er sich im Keller des Verwaltungsgebäudes häuslich niedergelassen hat. Wie in „Täglich grüßt das Murmeltier“ ähnelt ein Tag genau dem nächsten und diese Routine gibt Albert Sicherheit. Bis eines Tages plötzlich ein Antrag auf seinem Schreibtisch landet, der sich nicht bearbeiten lässt, da er nichts beantragt. Bei seinen Versuchen, sich dieses Gesuches zu entledigen bzw. eine Lösung dafür zu finden, wird Albert gezwungen, sein geschütztes Umfeld zu verlassen und in die richtige Welt hinauszugehen. So trifft er auf die Antragstellerin, Anna Sugus, eine chaotische Künstlerin, die sein Leben auf den Kopf stellt, und ehe er es sich versieht, entsteht in seinem Amt ein Glücksbüro.

Das eher untypische Romanthema „öffentliche Verwaltung“ wird in „Das Glücksbüro“ ansprechend und unterhaltsam behandelt. Es geht um einen Menschen, der in seiner kleinen grauen Welt gefangen ist und gezwungen wird, daraus auszubrechen und über sich hinauszuwachsen. Ein angenehm zu lesender Roman, den ich gerne weiterempfehle.

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Den Roman, den ich zuletzt gelesen habe (bevor ich „Die sieben Schwestern“ von Lucinda Riley begonnen habe), kann ich im Gegensatz zum „Glücksbüro“ nicht weiterempfehlen. Es handelt sich um „Saitensprung mit Kontrabass“ von Christiane Martini.

Der Klappentext lässt auf einen locker-leichten, witzigen Liebesroman schließen. „Die Musikerin Marlene hat einen ungewöhnlichen Nachnamen: Sie heißt Saitensprung – dabei ist sie die Treue in Person. Das ändert sich, als sie ihren Lebensgefährten Tom zum Flughafen bringt. Dort begegnet sie einer merkwürdigen alten Frau … und fühlt sich plötzlich wie verhext: Auf einmal hat Marlene nur noch Männer im Kopf! Zu denen gehört auch Georg. Obwohl Marlene es zuerst nicht wahrhaben will, findet sie den sensiblen Lehrer sehr sympathisch. Aber was soll sie mit diesen Gefühlen anfangen? Und was wird geschehen, wenn Tom von seiner Reise zurückkehrt?“ Quelle

Also wenn mich eines wirklich sehr stört, so sind das Tippfehler in einem Buch (das ist wohl meine Berufskrankheit). Ok, ein bis zwei Fehlerchen auf einen Roman können vorkommen, aaaaaber ich finde, jeder Verlag, der etwas auf sich hält, sollte mindestens einen kompetenten Lektor haben und versuchen, seine Bücher möglichst fehlerfrei zu publizieren. Bei dot.books scheint dies nicht der Fall zu sein, denn in „Saitensprung mit Kontrabass“ wimmelt es nur so von Fehlern. Ausgelassene Buchstaben, fehlende Satzzeichen, wenig überzeugende Formatierung – da es sich bei dot.books um einen Verlag für E-Books handelt, gehe ich davon aus, dass die Bücher nicht einfach digitalisierte Versionen der gedruckten Werke sind, sondern eigenständige, professionell formatierte Dokumente. Diese irrige Annahme wurde überzeugend widerlegt.

Und damit habe ich bisher nur die „technische“ Seite genannt. Sehen wir mal von den vielen lästigen Fehlern ab, die meinen Lesefluss wirklich gestört haben, wollte ich das Buch mehrmals wegen des Erzählstils beiseite legen. Die Autorin versucht vor allem, witzig zu sein. Sie baut jede Menge Wortwitze ein (die Hauptfigur heißt Marlene Saitensprung und spielt Kontrabass, ihr Nachbar heißt Haferbrei, es gibt einen Herrn Dünnerich und einen Herrn Mickerich, usw.) und übertreibt dabei für mein Gefühl. Ich fand es sehr anstrengend, dauernd – also wirklich über den gesamten Text – diese angestrengt bemüht witzigen Formulierungen zu lesen. Hier nur drei Beispiele zur Veranschaulichung: (Tippfehler im Original!)

„Haferkorn, sie sind meine Rettung“, sagte ich überschwänglich. ich fiel ihm zaghaft um den Hals und gab ihm einen Kuss auf die Wange. Ich war so froh, errettet zu werden. Er hielt mich einen Moment an sich gedrückt. Dann schaute er mich lächelnd an.
„Sie nehmen mich ja ganz schön aufs Korn.“
Ich schaute ihm fragend in die Augen und wollte dann sicherheitshalber protestieren. Aber er kam mir zuvor.
„Brei“, sagte er. „Haferbrei ist mein Name.“

oder:

„Oh nein, ich hab’s gea hnt.“
„Was?“
„Dass sie Lehrer sind.“
„So schlimm?“
„Kommt darauf an.“
„Auf was, wenn ich fragen darf?“
„Darauf, wie sie ticken.“
„Werten sie ihre Männersympathie etwa in Metronomzahlen aus?“
„Nein natürlich nicht.“ Ich lachte. Aber woher kennen sie einen solchen Taktmesser? Müssen ihre Schüler etwa ihre Aufgaben im Rhythmus lösen?“

oder:

„Tut mir leid“, sagte der Kassi erer ganz piano.
Ich hingegen wies ihn im Fortissimo an, er sollte doch mal alle Minimal- Preise auswendig lernen.

Mehrmals hatte ich den Eindruck, einen Schüleraufsatz zu lesen. Die Autorin reiht banale Sätze aneinander, die nicht immer gut verbunden sind und man hat Schwierigkeiten, dem Handlungsverlauf zu folgen: So wird relativ bald schon eine gewisse Lotte erwähnt, die sozusagen aus dem Off die Handlungen der Hauptfigur Marlene kommentiert bzw. deren Kommentare Marlene in ihrem Kopf hört. Schön und gut, aber man versteht sehr lange nicht, wer diese Lotte eigentlich ist. Sie wird als Freundin von Marlene präsentiert und irgendwann stellt sich heraus, dass es eigentlich die „Schwiegermutter“ (Toms Mutter) ist. In dem Teil, wo Marlene mit ihrer Tochter zu Lotte fährt, um auf August aufzupassen, während Lotte im Krankenhaus ist, war es sehr verwirrend herauszufinden, dass August Lottes Mann und nicht ihr (wie von mir vermutet kleiner) Sohn ist. Warum muss Marlene auf einen erwachsenen Mann aufpassen?

Es ist auch nicht ganz klar, in welcher Beziehung Marlene zu Tom, dem Vater ihrer Tochter wirklich steht. Ok, sie sind/waren ein Paar, er verschwindet nach Afrika und Marlene läuft plötzlich jedem männlichen Wesen hinterher. Sind Marlene und Tom wirklich getrennt oder nicht? So ganz klar wird das anfangs nicht und bis zum Schluss kommen sie auch wieder zusammen (entschuldigt, dass ich das Ende vorgwenehme…). Die im Klappentext angesprochene Begegnung mit der alten Frau am Flughafen liefert zwar einen – wenn auch etwas komischen – Grund für Marlenes übermäßig gesteigertes Interesse an Männern, aber man erwartet sich dennoch nicht, dass Marlene deshalb plötzlich mit jedem, der ihr über den Weg läuft, ins Bett steigt. Bei diesen Männern gibt es übrigens auch einige Ungereimtheiten: So hat sie unter anderem eine Affäre mit ihrem überzeugt schwulen Musikerfreund Werner und sie lernt beispielsweise Viktor Mickerich kennen, der später plötzlich Holger heißt („Holger, so hieß Herr Mickerich“).

Alles in allem bin ich vom Buch enttäuscht, da der Titel und der Klappentext nicht halten, was sie versprechen. Wenn schon die Geschichte an den Haaren herangezogen bzw. platt ist, so erwarte ich zumindest einen fehlerfreien, gut lektorierten und flüssig geschriebenen Text. So war es zeitweise wirklich eine Überwindung, weiterzulesen. Aber um diese Kritik zu schreiben, wollte ich die Lektüre durchziehen. 😉 Würde ich mir den Text nochmals anschauen, könnte ich sicher noch einige Zitate einbauen, aber dieser Beitrag ist so schon mehr als lang geworden.

Danke für’s Durchhalten und gute Lektüre (ohne Saitensprung)! 🙂

Bildquelle

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